Es war einmal…

Eastman at 36

Credit Eastman House

… ein kleiner Junge der, weil sein Vater frühzeitig verstarb, mit 14 Jahren die Schule vorzeitig abbrechen musste um seine Familie, die verwitwete Mutter und seine beiden Schwestern, von denen eine schwer behindert war, finanziell zu unterstützen.
Seine berufliche Laufbahn begann dieser Junge mit 14 Jahren als Laufjunge und später als Bürohilfe in einem Versicherungsunternehmen. Weil das Geld nicht ausreichte absolvierte er Abends einen Kurs in Buchhaltung und wurde daraufhin, nach 5 Jahren in der Versicherungsbranche, in der ortsansässigen Bank angestellt.
Mit 24 Jahren kaufte er sich eine fotografische Ausrüstung mit allen Utensilien des Nassplatten-Verfahrens. Die Kamera war groß und schwer und benötigte ein ebenso schweres Stativ. Auch ein Zelt um die fotografische Emulsion auf die Glasplatten zu streichen und die belichteten Platten entwickeln zu können war nötig. Ganz zu schweigen von den Chemikalien, schweren Plattenhalter und Wasserbehälter.
Von der Fotografie fasziniert und von der schweren und umständlichen Ausrüstung nicht gerade begeistert arbeitete er daran das Verfahren zu vereinfachen. Tagsüber arbeitete er in der Bank. Abends und nachts experimentierte er zu Hause in der Küche. Oft zu müde um sich überhaupt auszuziehen schlief er auf einer Decke in der Küche neben dem Herd.
Nach drei Jahren des Experimentierens hatte er eine Formel gefunden, die funktionierte. 1880 hatte er nicht nur das Trockenplatten-Verfahren erfunden, sondern auch eine Maschine zur Herstellung großer Mengen an Trockenplatten patentieren lassen. Von nun an stellte er Trockenplatten für andere Fotografen her.
Es lief nicht alles Reibungslos.  Weil die Trockenplatten in den Händen von Zwischenhändlern schlecht wurden, musste er die Produkte zurückrufen und gegen neue ersetzen. Das kostete ihn den letzten Dollar und er war mit dem totalen Ruin konfrontiert.
Dennoch konzentrierte er sich darauf, einen leichteren und flexibleren Träger als Glas zu finden. Was er auch schaffte. 1885 stellte er den ersten Rollfilm mit Papierträger vor. Auch hier arbeitete er unermüdlich daran diesen zu verbessern um später den Fotografen den transparenten Rollfilm, so wie wir ihn kennen, vorzustellen.
Um die Fotografie jedermann zu ermöglichen, damals war sie nur Berufsfotografen und wohlhabenden Amateuren vorbehalten, entwickelte sein Unternehmen eine Kamera, die so einfach zu bedienen war, das auch Kinder mit ihr umgehen konnten. Im Februar 1900 wurde die Amateurfotografie geboren.

Dieser Mann war etwas besonderes. Seiner Ansicht nach verdienten Mitarbeiter mehr als nur ein gutes Gehalt. Bereits 1899 verteilte er einen beträchtlichen Betrag seines eigenen Vermögens an seine Mitarbeiter. Später führte er eine Lohndividende ein von der jeder Mitarbeiter profitierte. Im Jahr 1919 übergab er ebenfalls ein Drittel seines Aktienbesitzes an seine Mitarbeiter weiter.
Seiner Zeit und der damals üblichen Praxis weit voraus führte er 1928 die Alters – und Arbeitsunfähigkeitsrente ein. Eine zusätzliche Lebensversicherung sicherte die Zukunft jeden seiner Mitarbeiter ab.

Nicht nur seine Mitarbeiter profitierten von seiner Menschlichkeit.
Er spendete (Anonym) große Beträge für Universitäten und Institute wie das M.I.T. oder das Hampton and Tuskegee Institute, das sich der Erziehung und Ausbildung von Afroamerikanern annahm. Er förderte und errichtete Krankenhäuser, Zahnkliniken und Schulen für Medizin. Auch Schulen für Musik, ein Theater und ein Symphonieorchester entstanden durch sein Tun.

Trotz seines Schaffens blieb dieser Visionär und Geschäftsmann ein bescheidener und zurückhaltender Mensch der die Öffentlichkeit und großes Tamtam um seine Person mied. Von einer fortschreitenden Behinderung schwer getroffen, ordnete er seinen Nachlass und starb durch eigene Hand am 14. März 1932 im Alter von 77 Jahren. Seine Abschiedsnachricht lautete „Meine Arbeit ist getan – warum warten?“

Dieser Mann war George Eastman, Gründer der Eastman Kodak Company. Dieser Pionier der Fotografie machte durch seine Erfindungen nicht nur jeden von uns zum Fotografen, er war ein ausschlaggebender Faktor in der Bildung der modernen Welt. Ihm zu Ehren wurde sein Wohnhaus in ein Internationales Museum der Fotografie umgewandelt.

Und wo steht Kodak heute? Seine Nachfolger führten seine Arbeit weiter und brachten Kodak nicht nur an die Weltspitze, sondern hielten sich auch dort. Kodak war ein Synonym für Fortschritt, Erfindungsreichtum und Menschlichkeit. Jeder in der Führungsspitze wusste durch das Vorbild von George Eastman, dass die Prosperität eines Unternehmens vom Engagement und der Loyalität seiner Mitarbeiter abhängt. Das zeigte sich auch dadurch das die Führungsspitze aus den eigenen Mitarbeiterreihen rekrutiert wurde. Bis auf zwei. George M.C. Fisher war zuvor bei Motorola und Antonio Perez kam von HP. Fisher begann damit aus dem Multiprodukt-Unternehmen Kodak ein reines Imaging Unternehmen zu machen in dem er Bereiche verkaufte oder einstampfte und Antonio Perez … na, sagen wir mal gibt Kodak den Rest.
Kodak ist ein Paradebeispiel dafür geworden was passiert wenn die Führungsriege nicht einfach nur von außen kommt, sondern dieser „Elite“ auch völlig egal ist was sie verkauft. Wenn nicht Innovationen für die Welt und finanzielle Sicherheit für die eigenen Mitarbeiter der Motor für Erfolg sind, sondern kurzfristiges Profitdenken für die Anleger. George Eastman hat uns nicht nur die Fotografie ermöglicht sondern auch gezeigt das eine soziale Unternehmensführung mit großen Gewinnen Hand in Hand gehen und sich nicht ausschliessen. Seinem momentanen Nachfolger scheint das egal zu sein. Ob er wohl in seiner Freizeit mit Kodak Film fotografiert?

Was wir während unserer Arbeitszeit erreichen, bestimmt, was wir haben. Was wir in unserer Freizeit erreichen, bestimmt, wer wir sind.

George Eastman

Kodak-Logo

Eine Antwort zu “Es war einmal…

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